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Das Fitnessstudio fürs Denken

Der Mensch hat seine Muskeln nicht verloren, weil er Waschmaschinen erfand. Aber er musste lernen, sie anders zu benutzen.

Philipp Geyer
Philipp Geyer
29.01.2026
8 Minute Lesezeit
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Als motorisierte Arbeit, Maschinen und elektrische Haushaltsgeräte den Alltag entlasteten, sank der körperliche Energieverbrauch still und stetig. In den USA ging der arbeitsbedingte tägliche Kalorienverbrauch von Männern zwischen 1960–62 und 2003–06 im Schnitt um 142 Kilokalorien zurück – genug, um auf lange Sicht Gewicht und Gesundheit sichtbar zu beeinflussen.

Die Antwort der Gesellschaft war nicht, die Waschmaschine zu verbieten. Sie erfand Ersatzanstrengung: Fitnessstudios, Jogging, Sportvereine, „10.000 Schritte“-Dogmen. Freizeitaktivität nahm zwar zu, doch sie kompensierte die wachsende Sitzkultur oft nicht vollständig.

So entstand ein moderner Kompromiss: Technik nimmt Last ab – und der Mensch muss Aktivität bewusst zurückholen.

Mit Künstlicher Intelligenz stehen wir vor einem kognitiven Pendant.

Von der Mechanisierung des Körpers zur Automatisierung des Geistes

Was Mechanisierung für die Physis war, könnte generative KI für die Kognition werden. Nicht, weil sie „dumm macht“ wie ein Horrorfilm-Plot – sondern weil sie Denk-Arbeit so reibungslos aus dem Weg räumt, dass der Geist sie seltener ausführt.

Das ist nicht völlig neu. Taschenrechner ersparen Kopfrechnen, Navi erspart Orientierung, Suchmaschinen ersparen Gedächtnis. Neu ist die Interaktion: KI-Systeme sind nicht nur Werkzeuge, sondern Gesprächspartner mit personalisierten Antworten. Gerade diese dialogische Bequemlichkeit kann eine Form von Abhängigkeit erzeugen, die statische Informationsquellen kaum erreichen.

Ein Frontiers-Artikel (Sec. Cognitive Science) über „AI-chatbot induced cognitive atrophy“ (AICICA) definiert kognitive Atrophie als Rückgang von Kernfähigkeiten wie kritischem Denken, analytischer Schärfe und Kreativität, ausgelöst durch die „interactive and personalized nature“ solcher Systeme.

Die Autoren argumentieren zudem, dass diese Dynamik „zu einer anderen Art kognitiver Abhängigkeit führen“ könne als bei klassischen Quellen – weil Chatbots Konversation simulieren, Vertrauen erzeugen und Entscheidungen vorstrukturieren.

Das ist der entscheidende Punkt: KI liefert nicht nur Ergebnisse. Sie liefert Denkpfade – und damit die Versuchung, den eigenen Weg gar nicht mehr zu gehen.

Kognitives Auslagern: Segen, Nebenwirkung oder beides?

Psychologen nennen es „cognitive offloading“: das Auslagern mentaler Arbeit auf externe Hilfen. Das kann sinnvoll sein. Wer nicht jede Kleinigkeit im Kopf behalten muss, hat mehr Ressourcen für Wesentliches: Strategie statt Tippfehler, Synthese statt Sortieren.

Doch wie beim Fahrstuhl hängt die Bilanz davon ab, was ausgelagert wird. Wenn KI nicht nur Routinearbeit, sondern auch Urteilsbildung, Argumentation und Einordnung übernimmt, wird Offloading zur geistigen Schonhaltung.

Eine vielzitierte Studie von Michael Gerlich (Head of Center for Strategic Corporate Foresight and Sustainability and Senior Faculty at SBS Swiss Business School) fand eine signifikant negative Korrelation zwischen häufiger Nutzung von KI-Tools und kritischem Denken – vermittelt durch mehr Offloading. Jüngere Teilnehmende zeigten dabei höhere Abhängigkeit und niedrigere Critical-Thinking-Scores als ältere.

Das ist noch kein Beweis für Kausalität – aber ein deutliches Warnsignal: Wer dauerhaft „mit Stützrädern“ fährt, könnte verlernen, das Gleichgewicht selbst zu halten.

Gleichzeitig gibt es noch eine zweite Gefahr: nicht das Zuwenig an Denken, sondern das Zuviel an Reiz. Ein aktueller Übersichtsbeitrag beschreibt den Doppelcharakter von KI für die Psyche: Einerseits kann sie entlasten (adaptive Bewältigung), andererseits Überforderung verstärken – durch Hyper-Optimierung, algorithmische Selbstbeobachtung, weniger Introspektion. Entscheidend sei nicht, ob KI gut oder schlecht sei, sondern wie sie „die Architektur des Copings“ umformt.

So wird KI zur mentalen Infrastruktur: Sie kann die Autobahn ins Ziel sein – oder die Umgehungsstraße am eigenen Urteil vorbei.

Die Parallele zur körperlichen Gesundheit ist unangenehm präzise

Der technische Fortschritt hat Hausarbeit schneller gemacht; Zeit für Hausproduktion sank bei Frauen im 20. Jahrhundert erheblich, während sie bei Männern stieg – insgesamt verschob sich der „Arbeitsmix“ der Gesellschaft.

Doch die grundsätzliche Dynamik blieb: Aufgaben verschwinden nicht, sie ändern nur Form und Ort.

Mit Denken könnte es genauso laufen. KI nimmt uns nicht „die Intelligenz“, aber sie nimmt uns die Notwendigkeit, sie regelmäßig einzusetzen. Und Notwendigkeit ist der heimliche Personal Trainer des Gehirns.

Das Prinzip ist alt: „use it or lose it“. Wer kaum Treppen steigt, verliert Kondition. Wer selten argumentiert, prüft, verwirft und neu baut, verliert kognitive Spannkraft – nicht dramatisch über Nacht, sondern leise über Jahre.

Der Ausweg ist nicht Abstinenz, sondern Widerstand

Die vernünftige Antwort auf elektrische Geräte war nicht Askese, sondern bewusstes Training. Genau so sollte man KI behandeln: nicht als Krücke, sondern als Widerstand.

Statt „Mach mir eine Lösung“ könnte die produktive Frage lauten: „Hilf mir, besser zu denken.“ Das ist ein anderer Vertrag: KI liefert Material – der Mensch liefert Urteil.

Drei praktische Analogien aus der Bildung treffen diesen Geist erstaunlich gut:

- Der Gärtner und der Baum: KI-Ideen sind Samen. Wert entsteht erst durch Verknüpfen, Kontext und Anwendung.

- Der Navigator und die Karte: KI-Antworten sind Kartenentwürfe. Man prüft sie gegen verlässliche Quellen und Realität.

- Der Bildhauer und der Stein: KI erzeugt Rohmasse. Qualität entsteht durch Kriterien, Iteration und Nachschärfen.

Man könnte es auch weniger poetisch sagen: KI ist gut darin, schnell „halb-gute“ Ergebnisse zu liefern. Ihre eigentliche Stärke entfaltet sie, wenn Menschen diese Halbgüte nicht akzeptieren, sondern bearbeiten.

Eine kleine Gebrauchsanweisung für kognitive Fitness mit KI

Wer sich vor kognitiver „Sitzarbeit“ schützen will, braucht keine Digital-Detox-Romantik. Drei Regeln reichen oft:

1. Erst selbst denken, dann vergleichen.

Skizziere eine eigene Hypothese oder Gliederung (auch grob). Nutze KI danach als Sparringspartner, nicht als Ghostwriter.

2. KI-Antworten müssen eine Prüfung bestehen.

Verlange Quellen, Gegenargumente, Unsicherheiten. Und verifiziere mindestens eine zentrale Behauptung extern – wie ein Navigator, der die Karte am Gelände testet.

3. Nutze KI für Struktur, nicht für Urteil.

Lass sie sortieren, zusammenfassen, Varianten erzeugen. Aber die Entscheidung – was stimmt, was wichtig ist, was weggelassen wird – bleibt Handarbeit.

Das klingt nach mehr Aufwand. Das ist der Sinn.

Denn wie bei Bewegung gilt: Die Anstrengung ist kein Nebeneffekt, sondern der Nutzen.

Der klügere Deal mit der Maschine

In der Industriemoderne war die große Frage, wie man körperliche Arbeit reduziert, ohne körperlich zu verfallen. In der KI-Ära lautet sie: wie man Denk-Arbeit reduziert, ohne geistig träge zu werden.

KI wird unseren Alltag nicht weniger komplex machen. Sie wird ihn nur anders komplex machen: schneller, glatter, verführerischer. Wer dabei seine kognitive Fitness behält, wird nicht der sein, der die meisten Prompts kennt – sondern der, der am härtesten prüft, am saubersten denkt und am mutigsten widerspricht.

Das Gehirn braucht keinen Gegner. Aber es braucht Widerstand.

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FAQ zu tia® – the intelligent archive

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Ein Content Server ist ein System zur zentralen Speicherung, Verwaltung und Bereitstellung digitaler Inhalte wie Dokumente, Bilder oder Videos. Er wird häufig in Unternehmen eingesetzt, um Informationen strukturiert und revisionssicher zu archivieren.

Ein Content Server kommt überall dort zum Einsatz, wo große Mengen digitaler Daten sicher verwaltet und langfristig archiviert werden müssen – zum Beispiel für die gesetzeskonforme Aufbewahrung von Rechnungen, Verträgen oder SAP-Daten.

Während ein ECM-System (Enterprise Content Management) eine Vielzahl von Funktionen rund um Dokumentenmanagement, Workflows und Collaboration bietet, konzentriert sich ein Content Server meist auf die zentrale Archivierung und strukturierte Bereitstellung von Inhalten – häufig in Anbindung an Drittsysteme wie SAP.

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CMIS steht für „Content Management Interoperability Services“ – ein herstellerunabhängiger Standard zur Anbindung und Integration verschiedener Content-Management-Systeme. Ein Content Server mit CMIS-Unterstützung kann so flexibel mit unterschiedlichen Systemen kommunizieren.

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